Auf die Frage „Was ist Agilität?“ habe ich schon viele Antworten mit verschiedenen Aspekten, Facetten und Beispielen genannt bekommen. In diesem Beitrag möchte ich nicht die x-te „richtige“ Erklärung bieten, sondern meine aktuelle, persönliche Antwort auf die Frage „Was ist Agilität?“ geben.

Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, wann ich zum ersten Mal mit dem Wort „Agilität“ in Kontakt gekommen bin. Rückblickend kann ich eine Sache sagen: Ich habe es anfangs nicht verstanden, vor allem nicht, was es in der Praxis bedeutet. Übrigens bin ich davon überzeugt, dass ich in einigen Jahren auf diesen Blogeintrag schauen werde und etwas ähnliches schreiben werde – „ich weiß, dass ich nichts weiß“. Aber lieber jetzt auf den Weg machen, als in einigen Jahren!

Die ersten Webrecherchen haben mich sehr schnell zu agilen Methoden, wie Scrum und Co., gebracht, aber um diese soll es heute noch nicht gehen. Wenn man dem Begriff Agilität nachforscht, liest man wundersame Dinge über den angeblichen Ursprung in der soziologischen Systemtheorie (übrigens ein Widerspruch zu unserem heutigen Verständnis von Agilität, den dieser FAZ-Artikel gut zusammenfasst - ist doch toll, wenn keiner mehr die Primärquellen liest, sondern Blogger von anderen Bloggern abschreiben) und viele mehr oder minder abstrakte Konstrukte um agile Dimensionen und Werte.

Neben der persönlichen Weiterbildung kam der Austausch mit Kolleg:innen, Seminarteilnehmer:innen und Kund:innen dazu. Und da hat es irgendwann für mich Klick gemacht: Agilität ist ein „weiches“ Thema, bei dem nahezu alle Personen mitreden können oder wollen. Jeder hat eine persönliche Definition des Begriffes, sei sie aus dem Lehrbuch oder der eigenen Vorstellung. Daraus habe ich für mich abgeleitet: Wenn wir Agilität zusammen nutzen wollen, müssen wir es gemeinsam begreifen (im etymologischen Sinne: verstehen, geistig voll erfassen).

„Warum?“ – Agilität als Reaktion auf VUCA

Ganz plakativ steht für mich die Frage nach dem „warum“ am Anfang: Warum brauchen wir überhaupt Agilität? Meine persönliche Antwort: Wir brauchen einen verlässlichen Ansatz, um auf unsere (schnelllebige) Außenwelt zu reagieren. Wenn ich einen Begriff dafür finden möchte, lande ich schnell bei der „VUCA“-Welt.

VUCA

  • volatility ‚Volatilität‘,
  • uncertainty ‚Unsicherheit‘,
  • complexity ‚Komplexität‘ und
  • ambiguity ‚Mehrdeutigkeit‘.

Als IT-Auditor beschreiben die VUCA-Begriffe viele meine Prüfungen. Übertragung auf meinen heutigen Schreibtisch mit aktuellen Prüfungen gefällig?

  • Volatilität: monatliche Updates und Changes in Software as a Service-Produkten

  • Unsicherheit: Sicherheitslücken, die durch Software von „verlässlichen“ Anbietern entstehen

  • Komplexität: Applikationen, die verteilt auf hybriden Cloud-Umgebungen laufen

  • Mehrdeutigkeit: Einschätzung des Auditees „versus“ meine Einschätzung zu einem Risiko

Eine derartige Übertragung wird jedem sicherlich mit Leichtigkeit gelingen – sei es IT-Audit oder nicht. Zusammengefasst: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, dass mein nicht-Wissen schnell überholt ist und von anderen Menschen auch anders interpretiert wird.

Wenn also der Schreibtisch derart aussieht, sollte zumindest das eigene (Team-)Handeln eine gewisse Sicherheit, Verlässlichkeit und Gleichartigkeit haben. Wir brauchen also so etwas, wie Grundsätze, die unserem Handeln und Verhalten zugrunde liegen – Prinzipien.

„Wie?“ – Mit Prinzipien der VUCA-Welt begegnen

Ähnlich, wie bei den agilen Werten haben wir uns vom agilen Manifest inspirieren lassen – aber zwölf Prinzipien im täglichen Umgang zu nutzen, war uns zu viel. Wir haben versucht uns auf die Hälfte zu beschränken:

  • Definitionen und Ziele mit allen Beteiligten klären und ein gemeinsames Verständnis entwickeln und vereinbaren.

  • Risiken aus Sicht des Kunden verstehen und stetig mit den eigenen Annahmen und neuen Erkenntnissen abgleichen.

  • Transparenz und Überprüfbarkeit gewährleisten um zu verstehen, ob wir auf Kurs sind.

  • Fokussierung auf die nächsten, vereinbarten Schritte und nicht auf jede neue Idee.

  • Fortlaufende Auslieferung und Abstimmung von sinnvollen Teilergebnissen an den Kunden.

  • Regelmäßige Evaluation des eigenen Vorgehens, um es ggf. für die nächste Phase anzupassen.

Über die Formulierung einzelner Prinzipien diskutieren wir intern immer noch sehr häufig und auch stellenweise sehr lautstark – am grundlegendsten über „Risiken aus Sicht des Kunden“.

Der erste Aspekt dieser Diskussion ist der Begriff des Kunden: Ist es die Geschäftsführung, die Interne Revision, die geprüfte Einheit oder das gesamte Unternehmen? Da haben wir in unterschiedlichen Prüfungen auch unterschiedliche Antworten. Wichtig ist für uns nur, dass wir alle dasselbe Verständnis haben (wie im Prinzip „Definitionen und Ziele“ von uns gefordert).

Der andere Aspekt der Diskussion: Mit dem Prinzip wollen wir die „Kundenzentrierung“ auf Internal Audit übertragen. Aber wenn wir nur die Risiken aus Sicht eines Auditees betrachten, machen wir etwas falsch – ganz abgesehen von der Frage nach der Unabhängigkeit.

Was wollen wir also mit dem Prinzip erreichen? Es soll uns daran erinnern, uns immer wieder in die Sicht des Kunden hineinzuversetzen: Ist es für den Kunden ein reales Risiko oder nur theoretische Diskussion aus dem Lehrbuch? Klar, wir sollten auch immer wieder ein „schlechtes Gewissen“ des Unternehmens sein, aber nicht nur reine Pessimisten.

Zusammenspiel unserer Werte und Prinzipien

Unsere Prinzipien stehen natürlich nicht isoliert, sondern in Verbindung mit unseren agilen Werten. Indem wir unsere Prinzipien befolgen, zahlen wir auch auf unsere agilen Werte ein – in Summe ergibt sich daraus unser „be agile“.

Unsere agilen Werte

  • Nachhaltige Veränderung ist das Ziel, nicht bloßes Recht haben.
  • Details können über den nächsten Schritt entscheiden, nicht der ursprüngliche Plan.
  • Offene Kommunikation findet mit allen Beteiligten statt, nicht nur im Team.

Doch welches Prinzip zahlt auf was ein? In solchen Fällen sind wir sehr strukturiert und analytisch – wir haben eine einfache Zuordnung vorgenommen und ja, wir haben kurz darüber nachgedacht, ob wir ein 'primär' und ein 'sekundär', wie in COBIT vergeben.

Mit der Zuordnung haben wir versucht Widersprüche oder eine Isolierung von Werte und Prinzipien zu erkennen. Einige der untenstehenden Lücken könnte man sicher auch mit Kreuzchen auffüllen, aber wir wollten maximal drei Zuordnungen pro Wert zulassen.

Tabelle unserer Werte und Prinzipien
Zusammenspiel unserer Werte und Prinzipien

Fazit und Ausblick

Übrigens, wer immer noch auf die einfache Antwort auf die Frage „was ist Agilität“ wartet, die Definition des „agile Coach“ von Atlassian gefällt mir gut:

Agile ist ein iterativer Ansatz, der Teams bei Projektmanagement und Softwareentwicklung hilft, ihren Kunden schneller und reibungsloser Mehrwert zu bieten. Anstatt alles auf einen Schlag einzuführen, liefert ein agiles Team seine Arbeit in kleinen, aber brauchbaren Teilstücken ab. Anforderungen, Pläne und Ergebnisse werden fortlaufend evaluiert, sodass Teams durch einen natürlichen Ablauf schnell auf Änderungen reagieren können.
Atlassian Agile Coach

Nur das Prinzip der Fokussierung fehlt mir. Was dieses konkret in der Praxis bedeuten kann, werden wir noch im Rahmen der agilen Methoden besprechen. Im nächsten Beitrag wird es um User Stories bzw. Risk Stories und wie ich sie gut in der Prüfungsplanung und -durchführung nutzen kann.

Was könnte Ihr nächster Schritt sein?

Versuchen Sie für sich und Ihr Team eigene Prinzipien zu definieren und zu begreifen. Klingt nach viel Aufwand?

Beginnen Sie mit einigen (digitalen) Post-It's mit Ihren ersten Ideen zu Prinzipien. Ergänzen Sie diese durch Assoziationen und passende Begriffe. Sie werden feststellen, dass einige der ersten Ideen nicht mehr passen. Da es Post-It's sind haben Sie zwei Möglichkeiten: Müll oder an die Seite hängen (falls Sie sich noch nicht trennen können).

Geben Sie sich ein wenig Zeit, gehen spazieren und denken Sie noch einmal drüber nach. Irgendwann werden Sie mit anderen Menschen darüber sprechen wollen. Daraus wird dann schnell ein Austausch im Team. Neue Post-It's kommen hinzu, andere gehen... Schnell hat man eine (digitale) Zettelwand mit dem „großen“ Bild und irgendwann das Gefühl alles erfasst zu haben.

Leider kommt dann noch ein schmerzhafter Teil: Die Konsolidierung und Kompromissfindung: Was bildet wirklich den Kern ab? Weniger ist mehr!

Die theoretischen Ausblicke reichen Ihnen nicht und Sie möchten Agilität konkret in Ihren Arbeitsalltag integrieren? Dann würde ich mich freuen Sie in meinem Audinar Agile Methoden in der Internen Revision begrüßen zu dürfen!

VALUFY - Agile Methoden in der Internen Revision

Ich freue mich genauso über Ihre Erfahrungen, Anregungen und erst recht über Widerspruch - lassen Sie uns diskutieren! Schreiben Sie mir per LinkedIn, Xing oder Mail.

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